Schwangerschaft und Geburt in Zeiten der Ungewissheit

Schwangerschaft und Geburt in Zeiten der Ungewissheit

Du bist gerade schwanger und bekommst dein erstes Kind. Unsicherheit prägt gerade deinen Tag. Wird dein Mann mit bei der Geburt dabei sein können. Kannst du wie geplant dein Baby im Geburtshaus oder zu Hause gebären?

In der aktuellen Situation ändern sich fast täglich die Bestimmungen für die Geburt, ob im Krankenhaus, Geburtshaus oder zu Hause. Frauen sind verunsichert und verängstigt.

Für Frauen, die sexuelle Gewalterfahrungen haben, grenzt die aktuelle Situation ans Unerträgliche. Ihr mühsam aufgebautes Sicherheitssystem kann von jetzt auf gleich von außen ins Wanken geraten. Für sie ist eigene Kontrolle und Selbstbestimmung essentiell und dann werden Bestimmungen erlassen, bei denen sie sich hilflos und alleingelassen fühlen. Von Bundesland zu Bundesland, ja von Klinik zu Klinik unterschiedlich werden Maßnahmen getroffen, die Kurve der Ansteckung abzuflachen und jede Information hat das Potential zu verunsichern. Wie wird es werden oder sein wenn ich gebäre?

Das ist leider einfach unklar im Moment. Es gibt keine einheitlichen Bestimmungen und die Situation kann sich von einem Tag auf den anderen ändern. Niemand kann oder wird dir versprechen können, dass deine Vorstellung einer idealen Geburtsreise gerade umgesetzt werden kann. Gerade jetzt ist es wichtig auf dich zu schauen und zu schauen, wie kannst du für dich handlungsfähig werden und sein.

Lass uns ein paar Szenarien durchspielen und schauen, welche Möglichkeiten mir dazu einfallen und du prüfst, was dir gut tun könnte:

Ja, die Situation ist unerträglich und es kann nicht so ablaufen, wie du es dir gewünscht hast oder wie du es brauchst, um dich sicher zu fühlen. Dein erster Schritt darf hier sein, das ganze nun als Möglichkeitserweiterung zu sehen. Mit Frauen, die ich begleite schaue ich auch immer wieder auf die Punkte, was wäre wenn…

Was wäre, wenn du dir eine Hausgeburt wünschst und ins Krankenhaus verlegt werden musst?

Was wäre, wenn da plötzlich ein Virus auftaucht und deine Hebamme dich, weil du krank bist, laut Infektionsschutzgesetz nicht zu Hause oder im Geburtshaus begleiten darf?

Wie kannst du Ruhe und Sicherheit in dir selbst erlangen? Was brauchst du dafür? Hier darf es auch zuerst um deine Idealvorstellung gehen. Wenn alles um dich herum so laufen kann, wie du es dir wünscht, wie wäre das? Dieses Ideal schreibst du als erstes für dich auf. Du erstellst einen Geburtsplan.

Im nächsten Schritt geht es dann darum zu schauen, was kann dich unterstützen, wenn Aspekte deines Sicherheitsnetzes so nicht erfüllt werden können durch äußere Bestimmungen.

Du kannst nicht zu Hause entbinden und dein Partner darf nicht mit ins Krankenhaus:

  • Was kann dir das Gefühl geben, mit zu Hause verbunden zu sein?
    • am Telefon deinen Partner, die Doula, deine Hebamme mitnehmen
    • deinen Lieblingsduft dabei haben und einatmen
    • Musik, die dich an zu Hause erinnert
    • Dich voll und ganz auf dich und dein Baby konzentrieren durch positive Affirmationen und Atemübungen
  • Überlege gut für dich, ob du im Krankenhaus deine Situation ansprechen kannst?
    • „ich habe sexuelle Gewalterfahrung, daher bitte ich sie so gut es geht traumasensibel mit mir umzugehen. Mir wäre es wichtig, dass sie sich meinen Geburtsplan anschauen und nach ihren Möglichkeiten beachten.“ (folgende Liste ist nicht abgeschlossen):
      • Vorstellen beim Wechsel der zuständigen Person
      • Klopfen, wenn jemand die Tür öffnet
      • Untersuchungen erklären
      • So wenige vaginale Untersuchungen wie möglich
    • Besteht die Möglichkeit, dass dein Mann dort anruft und deine spezielle Situation beschreibt?
Stoppen ist erlaubt!

Stoppen ist erlaubt!

Ich habe gerne gruselige Filme geschaut. Mitlerweile weiß ich, dass sie mir nicht gut tun und ich habe mir angewöhnt diese entweder nicht zu schauen oder nur aufgenommen, so dass ich wenn mir danach ist auf Stopp drücken kann oder auch weiterspule.

Ich habe mir die letzte Staffel von Game of Thrones aufgenommen und angefangen anzusehen. Eigentlich wolltee ich schon früher ins Bett. Doch noch ein paar Minuten weiter schauen. Wie geht es weiter? Es kann doch jetzt nicht die ganze zeit nur gekämpft werden.

Puh, ist das anstrengend. Mein Herz schlägt schneller. Mein Bauch fängt an zu grummeln. Ich werde nervös.

Genauso ging es mir als ich 2015 mit meiner ersten Tochter schwanger war. Plötzlich kamen verschiedene Frauen in mein Leben, die Schwierigkeiten hatten in ihren Schwangerschaften oder ihren Geburten. Leider fehlte ihnen das taktgefühl, dass einer gerade Schwangeren zu erzählen.

Ach weißt du…

Und plötzlich geriet ich aus meinem Gleichgewicht. Bekam Angst, dass das Baby in mir doch nicht zu mir will. Das ich falsch bin und das meine Entscheidungen für eine Geburtshausgeburt falsch sind, denn es kann ja so viel passieren.

Ja, ich glaube, dass eine schwangere oder eine gerade entbundene Frau andere Frauen triggert. Das das was da hoch kommt auch seine Berechtigung hat und seinen Ort braucht. Jedoch nicht bei einer Frau die gerade schwanger ist und sich auf ihr Baby freut. Hier gibt es andere Menschen, die das auffangen können.

Ich als Schwangere hätte schöne Geschichten gebraucht und noch viel mehr „Bemutterung“. Ich meine damit nicht Bevormundung, sondern Anerkennung für den körperlichen Marathon, ein in den Arm nehmen, gutes Essen oder weniger Hausarbeit… natürlich in Absprache! Noch viel mehr ist das natürlich nötig, wenn das Baby dann da ist.

Es hat mich viel Kraft gekostet, wieder zu mir zu finden. In mein Vertrauen zu mir und meinem Körper.

Wie schön wäre es doch gewesen ohne dieses-doch es war auch eine Lektion für mich: Ich darf andere Stoppen! Ich muss mir nicht alles anhören und schon gar nicht zu jeder Zeit. Dafür gibt es andere! Ich darf das höflich oder auch unhöflich klar machen, dass mir das gerade zu viel ist. Ich darf sagen was ich möchte und was nicht.

Das ist auch ein Schritt zu dir. Ein Schritt zu deiner Klarheit. Ein Schritt zu dem, was du möchtest und nicht möchtest.

Was möchtest du? Wie geht es dir mit den Erzählungen anderer?